Kritiker der Ärztekammer Mecklenburg-Vorpommern



Muß ein Weiterbildungscurriculum zeitlich  gegliedert sein?
Prof. Dr. M. Freund, 23.5.2010

Zunächst die rechtliche Lage.

In den Schreiben der Ärztekammer wird in dieser Angelegenheit immer wieder eine einzige Stelle der WBO aufgeführt, um die  Forderung nach einer zeitlichen Gliederung zu stützen:

§5 Abs. 5 lautet:
„Der befugte Arzt ist verpflichtet, die Weiterbildung persönlich zu leiten sowie zeitlich und inhaltlich entsprechend dieser Weiterbildungsordnung zu gestalten und die Richtigkeit der Dokumentation der Weiterbildung eines in Weiterbildung befindlichen Arztes gemäß § 8 zu bestätigen. Dies gilt auch, wenn die Befugnis mehreren Ärzten an einer oder mehreren Weiterbildungsstätten gemeinsam erteilt wird.“

In der Weiterbildungsordnung selbst finden sich jedoch zu zeitlichen Abläufen keinerlei Angaben, die über die Zeitdauer der Weiterbildung oder über Dinge wie die 6-monatige Zeit  auf der Intensivstation für die Spezialitäten der Inneren Medizin oder die 6-monatige Zeit im Labor im Rahmen der Weiterbildung Hämatologie und Onkologie hinaus geht.

Im Gegenteil. Der Geist der Weiterbildungsordnung weist in eine ganz andere Richtung. In den einleitenden allgemeinen Definitionen der WBO heißt es zur Weiterbildung:

„Die Ärztliche Weiterbildung beinhaltet das Erlernen ärztlicher Fähigkeiten und Fertigkeiten nach abgeschlossener ärztlicher Ausbildung und Erteilung der Erlaubnis zur Ausübung der ärztlichen Tätigkeit. Kennzeichnend für die Weiterbildung ist die praktische Anwendung ärztlicher Kenntnisse in der ambulanten, stationären und rehabilitativen Versorgung der Patienten. Die Weiterbildung erfolgt in strukturierter Form, um in Gebieten die Qualifikation als Facharzt, darauf aufbauend eine Spezialisierung in Schwerpunkten oder in einer Zusatz-Weiterbildung zu erhalten.

Die vorgeschriebenen Weiterbildungsinhalte und Weiterbildungszeiten sind Mindestanforderungen. Die Weiterbildungszeiten verlängern sich individuell, wenn Weiterbildungsinhalte in der Mindestzeit nicht erlernt werden können.


Die Weiterbildung wird in angemessen vergüteter hauptberuflicher Ausübung der ärztlichen Tätigkeit an zugelassenen Weiterbildungsstätten durchgeführt. Sie erfolgt unter Anleitung befugter Ärzte in praktischer Tätigkeit und theoretischer Unterweisung sowie teilweise durch die erfolgreiche Teilnahme an anerkannten Kursen."


 In diesem Teil der WBO wird eine sehr enge, ja nicht zu trennende Verbindung mit der praktischen Tätigkeit der Ärzte hergestellt. Dies entspricht absolut meiner 35-jährigen Erfahrung im Fach.

Jetzt ist es an der Zeit, den formalen Argumenten die wichtigeren sachlichen Argumente folgen zu lassen.

In der Inneren Medizin / Hämatologie und Onkologie sind wird konfrontiert mit einer Vielzahl von Erkrankungen, z.B. aplastische Anämie, chronische lymphatische Leukämie, akute Leukämie, Agranulozytose, Thalassämie, Hämophilie, Patienten mit Stammzelltransplantation.

In der Hämatologie und Onkologie sind die zu erlernenden Kenntnisse, Erfahrungen und Fertigkeiten eben in ihrem Charakter nicht aufeinander aufbauend, sondern kumulativ im Sinne von Sammeln von Inhalten.

Es ist hier nicht so, daß dem Nähen der Platzwunde der Blinddarm, dann der Leistenbruch und Magen, dann die Pankreas- und Leberresektion folgt. Bereits Internatsstudenten betreuen in unserem Fach Patienten mit autologer Stammzelltransplantation. Wie ist das möglich? Die Hämatologie und Onkologie ist ein konservatives Fach. Die Internatsstudenten und jungen Ärzte betreuen diese Patienten überwacht von erfahrenen Fachärzten und Oberärzten.

Insofern ist der Fortschritt in den Kenntnissen eines Weiterbildungskandidaten nicht an der Art der Erkrankungen zu messen, sondern am Grad der Unabhängigkeit, in der er agieren kann. Dies läßt sich jedoch nicht in einem nach Semestern zeitlich unterteilten Curriculum festlegen.

Es wäre völlig abwegig, zu fordern, daß ein Weiterbildungskandidat erst mal die CLL, oder das follikuläre Lymphom als relativ wenig aggressive Erkrankung kennenlernt, dann die akute myeloische Leukämie und am Schluß die Transplantation oder aplastische Anämie als Krönung der Weiterbildung zu Gesicht bekommt.
 
Eine solche Abfolge wäre völlig praxisfern. Soll ich einen Assistenten von der Erfahrung eines Falls mit aplastischer Anämie fernhalten (diese Erkrankung wird 2-3x im Jahr bei uns behandelt – ist vielleicht 6x in Mecklenburg-Vorpommern im Jahr diagnostiziert), nur weil er grade mit dem ersten Abschnitt seiner Weiterbildung = CLL dran ist? Das Beispiel zeigt, der Erwerb von Kenntnissen, Erfahrungen und Fertigkeiten in unserem Fach kumulativ ist und sich stark an das konkrete Auftreten der vielen seltenen Subentitäten der in unserem Fach auftretenden Erkrankungen orientiert

Insofern ist sowohl aus der formalen Betrachtung der Weiterbildungsordnung als auch aus der praktischen Erfahrung die Einführung eines zeitlich starr gegliederten Curruculums abzulehnen.



Ist es sinnvoll und machbar, wenn im Rahmen der Basisweiterbildung Innere Medizin eine Rotation durch alle Abteilungen eines fachlich gegliederten Krankenhauses erfolgen muß?
Prof. Dr. M. Freund

In der Weiterbildungsordnung MV vom 20.5.2005 in der letzten Fassung vom 19.1.2009 heißt es unter 13.1 - Facharzt/Fachärztin für Innere Medizin:

"In Krankenhäusern mit fachlich gegliederten internistischen Abteilungen hat die Basisweiterbildung
in Form einer Rotation durch diese Abteilungen zu erfolgen."

Daraus  wird durch die Ärztekammer gewöhnlich abgeleitet, daß eine Rotation von mindestens 3 Monaten in jede vorhandene Abteilung erfolgen muß. Ich stelle ein fiktives Beispiel eines Rotationsplans an einer gegliederten Klinik dar.  6 Abteilungen plus Notaufnahme/Intensivstation haben unterschiedliche Anzahlen an Weiterbildungsassistenten, entsprechend ihrer Größe und entsprechend dem Schweregrad der versorgten Erkrankunen. Die Rotationszeiten betragen minimal 3 Monate, maximal 9 Monate.

Aus dem nachfolgenden Excel-Arbeitsblatt wird klar, daß in einer Weiterbildungszeit, in der hier eine Rotation von 30 Monaten vorgesehen ist, eine massive Stellenverschiebung stattfindet. Sie ist durch die Rotation von den Abteilungen mit vielen Assistenten hin zu den Abteilungen mit wenigen Weiterbildungsassistenten begründet..



Die großen Abteilungen müssen viele ihrer Assistenten in die Rotation schicken, ohne daß sie Tauschpartner finden können. Die kleinen Abteilungen haben einen Andrang an Rotanden, den sie nicht richtig unterbringen können.

Ein solches Modell kann nicht funktionieren.

Es ist auch nicht sinnvoll.

In der Basis-Weiterbildung Innere Medizin sollen Basis-Kompetenzen vermittelt werden. Diese Basis-Kompetenzen sind nicht exklusiv in hochspezialisierten Abteilungen zu erwerben, sondern sind in allen Spezialitäten der Inneren Medizin weiter verbreitet. Schließlich haben Tumorpatienten, Patienten mit Nierenproblemen oder Patienten mit Herzerkrankungen auch mal einen Diabetes. Dies ist nicht nur sporadisch der Fall. Die in den großen Kliniken behandelten Patienten sind in der Regel multimorbide. Die Basiskompetenz in der Behandlung des Diabetes muß daher nicht zwingend nicht duch einen Endokrinologen vermittelt werden. Sinngemäß gilt dies auch für andere Basiskompetenzen.









































  Weiterbildung zeitlich gliedern?

  Obligate Rotation durch alles?